MIGRATIONSBIOGRAPHIEN, SCHWARZE UND PEOPLE OF COLOR (MIGRA*BPoC) WIDERSTAND

Obwohl sie über Jahrzehnte unsichtbar gemacht wurde, ist die politische Selbstorganisation von Migrant*inne in Europa und anderswo so alt wie die Migration selbst. Trotz allem scheinen sie in der Gesellschaft nicht wahrgenommen zu werden. Dies schlägt sich auch innerhalb Hochschuleinrichtungen nieder. Menschen mit Migrationsbiographien, Schwarze und People of Color (Migra*BPoC) werden in ihrem Hochschulalltag mit institutionellen wie auch alltäglichen rassistischen Erfahrungen konfrontiert. Studentische Kämpfe in Südafrika (2015-2016), in Großbritannien und in den Niederlanden (2017) sowie in Deutschland beschäftigten sich mit den Fragen: Warum ist mein Lehrplan weiß? Warum sind meine Professor*innen nicht Schwarz? Wie kann die Universität entkolonialisiert werden?

Dies führte zu studentischen Selbstorganisationen von Migra*BPoC, deren Ziel es ist, die Institution Hochschule kritisch zu hinterfragen, nachhaltig zu verändern und sich somit gegen rassistische Praktiken auf dem Campus zur Wehr zu setzen.

Migra*BPoC-Widerstand befasst sich mit einer vielschichtigen und mehrdimensionalen Agenda, indem ineinander greifende Unterdrückungssysteme und ihre Auswirkungen auf von Rassismus Betroffene untersucht und aufgedeckt werden. Darüber hinaus werden auf Grundlage einer transdimensionalen Ebene intra- und interpersonale, strukturelle sowie institutionelle Dimensionen von Gewalt in Zusammenhang gesetzt und analysiert. Kern des Widerstandes ist die Auseinandersetzung damit, inwiefern intersektionale rassistische Gewalt sich auf das Wohlergehen und auf das individuelle und kollektive Vorankommen von Migra*BPoC in Hochschulinstitutionen auswirkt. Auf der persönlichen Ebene beschäftigt sich der Migra*BPoC-Widerstand mit Themen wie der Selbstfürsorge, Gemeindepflege und Heilungsprozessen. Durch den Widerstand von Migra*BPoC werden Unterstützungsstrukturen geschaffen, die das Erlernen von Selbstliebe und Selbstakzeptanz in einem Umfeld fördern, welches die individuelle Existenzen sowie die kollektiven Errungenschaften dieser Gemeinschaften ignoriert. Ziel des Widerstandes ist es letztlich, dies aufzuzeigen, zu kritisieren und Barrieren im Hochschulbereich zu überwinden und abzubauen.

Um für emotionales Wohlbefinden in einer Umgebung zu kämpfen, das einen ablehnt, ist es fundamental, die Genealogien des Wissens, die dem Widerstand von Migra*BPoC zugrunde liegen, wertzuschätzen und aufzudecken. Dadurch kann eine antirassistische Umgebung innerhalb von Hochschulinstitutionen aufgebaut werden, die emotionale und praktische Handlungsmöglichkeiten zur Überwindung von Isolation, Konkurrenz und Depersonalisierung bereitstellt. Allerdings ist hervorzuheben, dass der Widerstand von Migra*BPoc akademisch-politische Allianzen mit Migra*BPoC-Netzwerken zwar miteinschließt, aber nicht darauf beschränkt ist. Er beschäftigt sich mit neuen Formaten des kollektiven Lernens, dekolonisierender Bildung und dem Aufbau einer integrativen, intersektionellen und antirassistischen Universität. Darüber hinaus unterstützt und fördert er pro-aktive Peer-Unterstützung und transnationale Solidaritätsnetzwerke.

Die Relevanz, Migra*BPoC Widerstand in Hochschulinstitutionen in unser toolkit mit aufzunehmen, ergab sich aus unseren eigenen Biographien und Lebensgeschichten. Wir selbst sehen uns als Akademiker*innen und internationale Wissenschaftler*innen mit Migrationsbiographien sowie Aktivist*innen in Migra*BPoC Netzwerken. Diese Identifikationen überschneiden sich und sind ein Ergebnis unserer Lebensgeschichten und Erfahrungen.

Auch wenn jede Lebensgeschichte sehr individuell ist, haben wir uns trotz allem mit ähnlichen Erfahrungen konfrontiert gesehen, die sich nur dadurch erklären lassen, wie Rassismus, Eurozentrismus und Neoliberalismus uns beeinflusst haben. Diese Erfahrungen haben uns veranlasst, neue Wege jenseits der neoliberalen Konformität zu suchen, um den vorherrschenden Eurozentrismus zu hinterfragen und zu kritisieren. Hierdurch entstanden Kontakte zu verschiedenen Migra*BPoC-Netzwerken und Aktivist*innen.

Die Ausarbeitung des Konzepts und seiner Definition ist somit das Ergebnis unserer Anerkennung der vielfältigen und heterogenen Formen, die der Migra*BPoC Widerstand im Hochschulbereich in Deutschland angenommen hat sowie der Auseinandersetzung mit unserer eigenen Entwicklung. Wir hoffen, durch diese Verflechtung von Biographie- und Selbstreflexionen zu einem Verständnis von kollektiven Widerstandsinitiativen (wie Netzwerke, Allianzen, Organisationen und Forschungsprojekte) beizutragen. Darüber hinaus soll ein Bewusstsein für die Umsetzung von alltäglichem Widerstand (z. B. in zwischenmenschlichen Begegnungen mit Dozierenden, Studierenden und dem System) geschaffen werden und eine Reflexion über dessen Kosten und Nutzen stattfinden.